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Wie Hip-Hop-Amerika auf die sozialen Unruhen nach dem Mord an George Floyd reagiert

Killer Mike propagiert den Weg Martin Luther Kings, Immortal Technique beschwört die Amerikanische Revolution und ausgerechnet Chuck D fehlen die Worte: US-amerikanische Rapper schalten sich in die Debatten um Polizeigewalt und Krawalle ein.

This morning I woke up in a curfew
O God, I was a prisoner too, yeah!
Could not recognize the faces standing over me
They were all dressed in uniforms of brutality, eh!

Bob Marley schrieb diese Zeilen 1976 über Jamaika. Sie beschreiben genau so gut die Situation vieler Schwarzer in den USA heute, im Jahr 2020. Ob in Ferguson, in Flint, in Los Angeles oder in Minneapolis, wo George Floyd am 25. Mai ein Päckchen Zigaretten kaufen wollte und dann von einem Polizisten vor laufenden Kameras wie ein Tier langsam und quälend erdrosselt wurde.

Aber auch die nächsten Strophen von Marleys Song beschwören die heutige Situation herauf:

How many rivers do we have to cross
Before we can talk to the boss? Eh!
All that we got, it seems we have lost
We must have really paid the cost

Burnin‘ and a-lootin‘ tonight
(Say we gonna burn and loot)
Burnin‘ and a-lootin‘ tonight
(One more thing)
Burnin‘ all pollution tonight
(Oh, yeah, yeah)
Burnin‘ all illusion tonight

Marleys Text beschreibt die mit dem Gefühl der Ohnmacht verbundene Frustration der Unterdrückten und den Impuls zur Gewalt, der aus dem Gefühl geboren wird, nichts mehr zu verlieren zu haben. Die Wut entlädt sich in burnin‘ and lootin‘, im Niederbrennen und Plündern.

So, wie wir es in den vergangenen Tagen in vielen Städten Amerikas gesehen haben.

Burnin‘ and a-lootin‘ tonight, Burnin‘ all illusion tonight

Bob Marley, Burnin‘ and Lootin‘

Auch Martin Luther King Jr. bezeichnete Krawalle einst als „die Sprache derer, die keine Stimme haben“. Allerdings hielt er sie politisch für das falsche Mittel: „Ich habe immer gesagt, und werde dies auch weiterhin tun, dass Krawalle sozial destruktiv und selbst-zerstörerisch sind. (…) Ich bin überzeugt, dass Gewalt mehr soziale Probleme schafft, als sie löst.“

Gewalt erzeugt Gegengewalt, und in vielen Städten in den USA scheint die Polizei angesichts der Proteste weiter auf Konfrontationskurs mit der Bevölkerung zu gehen. Nach dem Mord an George Floyd und den anschließenden Protesten meldete sich die amerikanische Rap-Szene zu der Frage zu Wort, wie der Rassismus in einer Gesellschaft bekämpft werden kann, die zunehmend reformunfähig erscheint. Floyd selbst hatte einst eine Hip-Hop-Karriere und war in den 1990er Jahren in Houston, Texas Teil der Crew um den legendären DJ Screw.

Killer Mike, Rapper aus Atlanta, Aktivist, Intellektueller und geborener Redner, propagierte in einer Pressekonferenz mit der Bürgermeisterin von Atlanta den Weg Dr. Kings. Unter Tränen erzählte der Sohn eines Polizisten von den ersten schwarzen Männern in Uniform in Atlanta, die sich zum Dienst in einer Jugendherberge umziehen mussten, weil ihre weißen Kollegen sich keine Umkleide mit ihnen teilen wollten. Dann beschwor er das Erbe des civil right movements in der Stadt.

Zu den Plünderungen sagte er: „Es ist unsere Pflicht, nicht aus Wut gegen einen Feind das eigene Haus niederzubrennen. Es ist unsere Pflicht, unser eigenes Haus so zu stärken, dass es in Zeiten der Mobilisierung als Asyl dienen kann.“ Dann sprach Killer Mike seinen Refrain, den er in der Pressekonferenz immer wieder wiederholte: „Jetzt ist es an der Zeit, sich zu verschwören, zu planen, Strategien zu entwerfen und Menschen zu mobilisieren.“

In seiner Rede machte er deutlich, dass Wahlen das wichtigste Mittel seien, um Veränderungen herbeizuführen. Gemeint sind damit nicht nur die Präsidentschaftswahlen im November oder Bürgermeisterwahlen in den amerikanischen Metropolen. Denn auch Richter und Staatsanwälte werden in Amerika in vielen Bundesstaaten von den Bürgern gewählt. Dieser Elektoralismus war der rote Faden in Killer Mikes Rede, auch wenn sie stellenweise radikaler Klang: „Wir wollen keine [Supermärkte] brennen sehen. Was wir brennen sehen wollen, ist ein System, das auf strukturellem Rassismus beruht.“ Auf Killer Mikes schwarzem T-Shirt stand in weißer Schrift: „Kill your masters.“

T.I., Rapper aus Atlanta und Pionier des Trap-Rap, der vor Killer Mike sprach, äußerte Verständnis für die gewalttätigen Proteste. Allerdings hält er sie in Atlanta für unangebracht, wo Schwarze schon seit Generationen die Möglichkeit gehabt hätten, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf der Armut zu ziehen. Mit einer Anspielung auf den utopischen Schwarzen-Staat Wakanda aus dem Film Black Panther sagte er: „We can’t do this here. This is Wakanda, it’s sacred, and it must be protected.“

„Wir wollen keine [Supermärkte] brennen sehen. Was wir brennen sehen wollen, ist ein System, das auf strukturellem Rassismus beruht.“

Killer Mike

Andere Rapper halten den Marsch durch die Institutionen, wie Killer Mike ihn propagiert, für aussichtslos. Der New Yorker Rapper mit peruanischem Hintergrund Immortal Technique warf Killer Mike in einem Facebook Live Stream vor, naiv zu sein: „Ich liebe Killer Mike, er ist mein Bruder. […] Aber Elektoralismus ist nicht das einzige, was wir tun können. Die größten Fortschritte, die wir in den USA gemacht haben, haben wir nicht an der Wahlurne erzielt, sondern weil wir in den Straßen kämpften. Wir haben die Briten nicht rausgewählt, wir haben die motherfuckers rausgeschmissen. Wir haben die Konföderation der Südstaaten [im Amerikanischen Bürgerkrieg] nicht abgewählt; wir haben sie fertig gemacht.“

Der Rest des 25minütigen Streams ist eine Mischung aus historischer Lehrstunde, verschwörerischer Geschichtsklitterung und antikapitalischen Tiraden. Am Ende kommt Immortal Technique wieder auf die Plünderungen zu sprechen, indem er zwischen Gewalt („strength“) und Macht („power“) unterscheidet: „Macht ist die Fähigkeit etwas zu zerstören, ohne es zu zerstören; dir etwas zu nehmen und dir anzueignen. Wenn ihr also das nächste Mal einen Supermarkt plündert, gebt die Waren an hungernde Familien, an Menschen, die sie brauchen. (…) Robin Hood und Little John, that’s what we’re doing here.“

„Die größten Fortschritte, die wir in den USA gemacht haben, haben wir nicht an der Wahlurne erzielt, sondern weil wir in den Straßen kämpften. Wir haben die Briten nicht rausgewählt, wir haben die motherfuckers rausgeschmissen.“

Immortal Technique

Was auf den Straßen amerikanischer Großstädte am Rand der weitgehend friedlichen Proteste an burnin‚ and lootin‚ passierte, sah allerdings wenig nach Robin-Hood-Romantik oder politischen Statements aus, als nach Zerstörungs-Opportunismus junger (oft weißer) Männer. (Wer sich diese riot-Romantik abgewöhnen will, dem empfehle ich den brillianten, aber hart in die Magengegend schlagenden Dokumentationsfilm „LA 92“.) Und selbst, wenn es so wäre: Wie eine Plünderökonomie von unten die sozialen Probleme der USA lösen soll, erklärt Immortal Technique nicht.

Entscheidender als zerbrochene Scheiben, gestohlene Sneaker und brennende Supermärkte ist die symbolische Dimension der Krawalle, die auch bei Bob Marley mitschwingt, wenn er von der Illusion spricht, die abgebrannt wird. Wer zerstört, der zeigt, dass er sich an Politik nicht mehr beteiligen will und auf Besserung nicht mehr hofft. Das schwarze Amerika hätte allen Grund dazu; trotzdem sind die Proteste der schwarzen Community und einer sich mit ihr solidarisierenden breiten Koalition überwiegend friedlich geblieben. Das ist das stärkere Zeichen.

Allerdings zeigt die Debatte um die Krawalle auch, wie sich der öffentliche Diskurs in den USA immer wieder ins Abseits manövriert, indem dem Symbolischen sehr viel mehr Raum eingeräumt wird, als der Realität. Schon seit Jahren reden sich pundits und Politiker den Mund darüber fusselig, ob der American-Football-Star Colin Kaepernick während der Nationalhymne knien darf oder nicht; ein Zeichen dafür, wie sehr sich das immer noch weit verbreitete amerikanische Selbstverständnis als „greatest nation on earth“ von den Realitäten im Land entfernt hat. Der symbolische „Angriff“ auf die Nation wird von vielen als unerträglich empfunden, während man den Krieg der militarisierten Polizei gegen Leib und Leben der Schwarzen oder die einem Apartheidssystem würdige Strafjustiz als gegeben hinnimmt.

Der symbolische „Angriff“ auf die Nation wird von vielen Amerikanern als unerträglich empfunden, während man den Krieg der militarisierten Polizei gegen Leib und Leben der Schwarzen oder die einem Apartheidssystem würdige Strafjustiz als gegeben hinnimmt.

Vor diesem Hintergrund ist das für sich genommen nicht unproblematische Statement von Chance the Rapper verständlich, Zerstörung von Eigentum sei keine Gewalt. Es gebe keine Äquivalenz zwischen toten Schwarzen auf der einen und ausgebrannten Polizeistationen auf der anderen Seite.

LL Cool J, Rap-Größe aus New York und seit langem voll in das Entertainment-Establishment Amerikas integriert, machte in einem Video seine Wut mit einigen aggressiven bars deutlich. Auch er kommt darin auf die Plünderungen zu sprechen, die er als Reaktion auf die Gewalt der normalen amerikanischen Verhältnisse versteht: „The rich took the loots, so now we loot shit. Feeling like a caged tiger that’s whipped to do tricks.“ („Die Reichen haben sich die Beute genommen, deshalb plündern wir jetzt. Fühlen uns wie Tiger im Käfig, mit der Peitsche gezwungen, Kunststücke zu vollführen.“)

Conway the Machine, Rapper aus Buffalo/NYC, veröffentlichte den Track „Front Lines“, in dem er den Mord an George Floyd verarbeitet. Der Song endet mit dem Ausschnitt aus einem Newsreport über die Polizeistation im 3. Bezirk in Minneapolis, die komplett ausbrannte, nachdem sie von Protestierenden angezündet wurde.

Der Text bietet keine Perspektive, die aus der aktuellen Situation herausführen könnte. Darin spiegelt sich eine gewisse Ratlosigkeit und Paralyse angesichts der Situation der amerikanischen Gesellschaft, die sich in der Hip-Hop-Community breit macht. In einem Interview mit Lil‘ Wayne sagte Star-Produzent und Rapper Dr. Dre: „What is supposed to happen to make this thing stop? It has to stop! What the fuck ist supposed to happen??“ Seine Hoffnung, dass dieser Mord derjenige sei, der etwas ändern könnte, klang wenig überzeugend und mehr nach Wunschdenken, als nach einer politischen Perspektive.

Was Immortal Technique, LL Cool J und Conway the Machine eint, ist der Hinweis auf das 2nd amendment, das von der Verfassung garantierte Recht auf Waffenbesitz. „Hope you got your gun, you know I got mines „, heißt es in „Front Lines“. „Yeah, u right, we should protect our 2nd amendment rights“, rappte LL Cool J, „cause in a second a dirty cop can kick the door in at night.“ In der gegenwärtigen Lage lässt sich das nicht als Macho-Gehabe und Gangsta-Rap-Klischee abtun. Es ist vielmehr Ausdruck des tiefer und tiefer werdenden Misstrauens innerhalb der amerikanischen Gesellschaft, die in den letzten 50 Jahren einem Bürgerkrieg nie näher war.

„Jede einzelne Emotion, die junge Menschen im Moment fühlen, ist gerechtfertigt.“

Chuck D

Vom Ruf zu den Waffen ist Jay-Z weit entfernt. Der New Yorker Rap-Mogul blieb seiner staatsmännischen Haltung der letzten Jahre treu und verlangte in einem Telefonat mit dem demokratischen Gouverneur von Minnesota, Tim Walz, dass alle vier am Mord von George Floyd beteiligten Polizisten verhaftet und angeklagt werden sollten. Das gleiche hatte Killer Mike in seiner Rede gefordert. Aus diesen Forderungen spricht ein Restvertrauen in das Justizsystem, dem sie zutrauen, für Gerechtigkeit zu sorgen – ein Gefühl, dass in der afroamerikanischen Bevölkerung angesichts der Masseninhaftierung schwarzer Männer rar geworden ist. So heißt es in Conway the Machines „Front Lines“: „Cracker [abschätziger Begriff für Weiße] invent the laws, that’s why the system is flawed. Cops killin‘ black people on camera and don’t get charged.“ (In welchem Ausmaß die amerikanische Strafjustiz das Regime der rassistischen Jim-Crow-Gesetzgebung reproduziert, die seit den 1870er Jahren bis weit ins 20. Jahrhundert Bestand hatte, lässt sich in der an Klarheit kaum zu überbietenden Studie von Michelle Alexander nachlesen, „The New Jim Crow. Masseninhaftierung und Rassismus in den USA“).

Während die amerikanische Medienmaschine mit der Interpretation der aktuellen Geschehnisse beschäftigt ist, drückte ausgerechnet Chuck D, Elder Statesman des politischen Rap und Kopf von Public Enemy, seine Sprachlosigkeit angesichts der Verhältnisse aus: „Alles, was ich zu sagen hätte, würde nur Öl ins Feuer gießen und und wäre nicht hilfreich. Wenn es sich falsch anfühlt, etwas zu sagen, sollte man schweigen. Ältere Menschen wie ich wissen das. You just stay fucking quiet until you find the right words for it. Und im Moment finde ich keine Worte für diesen shit. Ich kann nur soviel sagen: Jede einzelne Emotion, die junge Menschen im Moment fühlen ist gerechtfertigt.“

(Photo Credit: www. youtube.com/11Alive)

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